Stellungnahme der Mitgliedsverbände des BDKJ Trier zu den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche

Licht ins Dunkel bringen
Die Vergangenheit aufklären und Prävention stärken

Die Mitgliedsverbände des BDKJ Trier haben am 09.03.2010 einstimmig folgende Stellungnahme zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche beschlossen.

Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist ein Verbrechen. Es ist ein Macht- und Vertrauensmissbrauch, bei der die Täter ihre körperliche oder beziehungsbedingte Überlegenheit ausnutzen und Kindern und Jugendlichen schwere, insbesondere seelische Schäden zufügen.

Wir erwarten von allen gesellschaftlichen Institutionen, welche mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt sind (seien es Schulen, Sportvereine, Jugendarbeit und Jugendeinrichtungen, u.a.), dass sie Kinder und Jugendliche schützen und sich ehrlich damit auseinandersetzen, welche Strukturen sexualisierte Gewalt begünstigen. Diese Strukturen müssen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen verändert werden.

Wir als katholische Jugendverbände fordern dies insbesondere auch von unserer Kirche. Wir verkünden die Botschaft der Liebe Gottes und treten als Christinnen und Christen dafür ein, dass junge Menschen geliebt, gestärkt und heil an Körper und Seele aufwachsen können. Gerade aus ihrem eigenen Auftrag des Evangeliums heraus, ist die katholische Kirche in höchstem Maße verpflichtet, sich eindeutig auf die Seite der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu stellen und zur Verhinderung sexualisierter Gewalt beizutragen.

Dazu gehört es auch den innerkirchlichen Strukturfragen nicht auszuweichen sondern sie zu überprüfen: Von tabuisierter Macht und falsch verstandener Autorität, von einem verengten Kirchen - und Priesterbild, von einem mit Schweigen umgebenen Zölibat, von einer mangelnden Offenheit in Fragen der Sexualität und von einem Verzicht auf Kritik und Beratung können unkalkulierbare Gefahren ausgehen.

Die Krise, in der sich die Kirche durch die Verbrechen von Priestern und Mitarbeitende der Kirche an Kindern und Jugendlichen befindet, bedroht all das Gute, das durch das Engagement der Kirche für Kinder und Jugendliche geschieht. Es steht zu befürchten, dass verunsicherte Eltern der Kirche das Vertrauen entziehen und sich zunehmend scheuen werden, ihre Kinder kirchlichen Jugendgruppen und Jugendverbänden anzuvertrauen. Dabei träfe das die Falschen: Gerade die kirchliche Jugendarbeit hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt um die sorgfältige Achtung des Kindeswohls bemüht und ihre ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diese Aufgabe besonders sensibilisiert und qualifiziert.1 In den 90er Jahren wurde durch den BDKJ eine offensive, am Schutz der Betroffenen ausgerichtete Enttabuisierung des Redens über sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche gefordert.2

Wir sind dankbar, dass durch den Mut des Jesuitenordens die Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufgedeckt und öffentlich gemacht wurden. Auch wenn die meisten Fälle Jahre zurückliegen, offenbaren sie doch, dass Verantwortliche in der Leitung von Orden und Kirchen bisher unfähig und unwillig waren, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Das Versagen von Ordens- und Kirchenleitungen hat bewirkt, dass die Schuld der Täter nicht festgestellt wurde - die klare Trennung von Täter und Opfer ist gerade bei Misshandlungen, die so tief in die Persönlichkeit eingreifen, die Voraussetzung für den Heilungsprozess der Opfer. Seelsorger, die gegen Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt anwenden und Verantwortliche, die dagegen nicht einschreiten, repräsentieren einen gewalttätigen, perversen Götzen der Macht - aber nicht den befreienden Gott Jesu Christi, der vorrangig solidarisch ist mit den Kleinen und Wehrlosen. Sie stehen damit im tiefsten Widerspruch zu den zentralen Inhalten unserer Glaubenstradition.

 

Die Geheimhaltung hat das Leugnen der Täter verstärkt und jede Verantwortlichkeit ausgelöscht. Das erschreckt uns, denn wir empfinden dieses Vorgehen als einen Verrat an den Opfern, der die Grundfesten der Kirche als Ort der Nachfolge Jesu erschüttert.

Ob die Kirche nun wirklich erschüttert ist, erkennen wir daran, welche Wege der Klärung, Wiedergutmachung und Prävention sie wählt. Formale Entschuldigungen bei Opfern reichen bei weitem nicht aus.

Wir begrüßen es, dass die Deutsche Bischofskonferenz die Thematik sieht und setzen Hoffnung darin, dass sie die Schuld, welche die Täter auf sich geladen haben, ernst nimmt und eine sorgfältige theologische, pastorale, psychologische und strukturelle Bearbeitung der Gründe für diese Krise vornimmt. Wir nehmen die Absichten des besonderen Beauftragten der Bischofskonferenz in dieser Sache, Bischof Stephan Ackermann ernst und ermutigen ihn, sich am Beispiel der Jesuiten zu orientieren und diese Aufgabe mit einer erfahrenen, unabhängigen Person aus dem Bereich des Opferschutzes zu teilen.

Besonders in den Diözesen ist darauf zu achten, dass die Ansprechpersonen für Opfer von der Institution unabhängige, vertrauenswürdige Personen sind. Alle hauptamtlichen Seelsorger und Seelsorgerinnen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sollen zur Teilnahme an einer Schulung zum Thema „Kindeswohlgefährdung" verpflichtet werden.

Hauptamtliche Teams, die für die Durchführung von Veranstaltungen, Maßnahmen und Projekten verantwortlich sind, sollen - wie in der verbandlichen Jugendarbeit üblich - paritätisch besetzt sein.

Zu einer gelingenden Präventionsarbeit gehört pastoralpraktisch, sich zurück zu besinnen auf die Ziele und Vorgehensweisen emanzipatorischer Jugendarbeit: Eine Bevorzugung von inhaltlicher, persönlichkeitsbildender, politischer, religiöser und sozialer Bildung unter der Prämisse der Subjektwerdung ist notwendig.

Verlorenes Vertrauen ist auch innerhalb der Kirche zurückzugewinnen: Angstfreiheit und Offenheit braucht es auch im Kreis der Hauptamtlichen der kirchlichen Jugendarbeit selber. Hier ist eine Kultur der Kritikfähigkeit zu fördern, die fähig und bereit sein kann, undemokratische Vorgaben für die Jugendarbeit zurückzuweisen und eine offene Auseinandersetzung um die Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit einzufordern.

Niemand in der Kirche sollte sich von Angst bestimmen lassen, auch die Kirche als Ganzes nicht. Denn sie hat dem Evangelium der Wahrheit und Menschennähe zu dienen.


1 u.a. Schulungsbausteine zum Thema Kindeswohlgefährdung, Arbeitshilfe "Kinder schützen"

2 "Nicht sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist ein Tabu in der Kirche - sondern das Reden darüber", Beschluss BDKJ-Hauptausschuss 1993
"Grenzen setzen - Grenzen akzeptieren", Beschluss Bundesfrauenkonferenz 1995


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